8. Dezember



"Bitte, nehmen Sie Ihre Kinder und gehen ins Haus – es ist ein amerikanischer Kampfbomber abgestürzt mit chemischen Waffen an Bord. Schließen Sie sofort Türen und Fenster und verlassen Sie eine Woche nicht das Haus."

Die Worte eines Fremden. Er steht während die amerikanische A10 Thunderbolt um 13.26 Uhr am 8.12.1988 in der Remscheider Stockder Straße explodiert, etwas unterhalb mit Blick ins Tal, aus dem die Unglücksmaschine langsam und dröhnend herangerollt war. Die A 10 befand sich auf dem Weg von Nörvenich zu einer Schießübung ins Siegerland. Die Übung stand unter dem Auftrag, einen Chemiewaffenangriff auf Nörvenich zu sühnen. Cpt. Michael Foster startete seine Maschine 13.15 Uhr, ohne auf die Startfreigabe zu warten. Cpt. Marke F. Gibson flog hinterher. Er, der Rottenführer der "Rotte Egret". Während des Fluges Richtung Remscheid versucht er vergeblich, Cpt. Foster per Funk zu erreichen. Das zeigt der Absturzbericht der US-Air Force. Um 13.26 schlägt Cpt. Foster in der Stockder Straße auf, die Maschine explodiert, während Cpt. Gibson seine Maschine nach Freigabe der Luftüberwachung Goch nach oben zieht. "I lost my wingman".

Sieben Menschen tot. Acht Schwerverletzte. Mehr als 50 Verletzte. Auf 350 m brennt ein ganzer Straßenzug. In einem Chaos verbrennt das Flugzeug, Häuser, Munition, Firmengebäude, Lastwagen und das persönliche Hab und Gut der Anwohner.

Was war passiert? Viele Theorien und Spekulationen über den Absturz prägen die 25 Jahre danach. Haben die Triebwerke schon vor dem Absturz gebrannt? Haben die beiden Maschinen sich in der Luft touchiert? Brannte die zweite Maschine und konnte sich noch mühsam über den zweiten Remscheider Berg, die Fichtenhöhe retten, um dann bei Halver notzulanden? Wurde die Maschine vom Rottenführer abgeschossen weil Cpt. Foster's manövrierunfähig war? Plante Cpt. Foster einen Selbstmord-Anschlag auf das Atomwaffenlager bei Halver wie in einem Film in der DDR berichtet wurde? Stand Cpt. Foster unter Drogen? Oder war es einfach wirklich nur der Nebel?

Als vier Monate später die ersten Hauterkrankungen Hinweise auf toxische Substanzen in Böden und Hausstäuben liefern und eine auffällige Häufung von Fehlgeburten auftraten, war es für den BUND Kreisgruppe Remscheid an der Zeit, eine Bürgerinitiative zu gründen und die Warnung des Beobachters der ersten Stunde ernst zu nehmen. Und nicht nur der hatte gewarnt: ein Oberstabsarzt der Bundeswehr meldet sich am Abend der Katastrophe und rät, sofort das Gebiet zu verlassen und das Absturzgebiet "..sofort unter ein Meter Beton zu legen". Ein GI spricht die Anwohner an und sagt "..hier dürfen nie wieder Kinder spielen!"

Mit diesen Hinweisen beginnt die unglaubliche Geschichte der Folgen dieses Absturzes. Gutachten und Gegengutachten, die Stadt gegen die Bürger und umgekehrt, ratlose Politiker, Beamte mit Maulkorb, soziale Spaltung im Quartier, Fakten und Spekulationen. Und Erkrankte. Hauterkrankungen, Lungenkrebs, Missbildungen. Viele Offizielle trauen sich, vollmundige Statements abzugeben "…kein scharfe Munition oder Waffen an Bord". Klar, dass die US Air Force keinen Grund sieht, die tatsächlichen Geschehnisse öffentlich zu machen – man will und muss weiter von Deutschland mit Waffen und Munition Einsätze in die Kriegsregionen am Golf, Bosnien und Afghanistan fliegen. Explosion und Brand sind naturgemäß so chaotisch, das z.B. die in der Maschine sich befindende Maschinenkanone am Absturzort gefunden wird, ein großer Teil der Munition jedoch durch die aufgetretene enorme kinetische Energie 300 m weit kistenweise in ein Haus in der David-Dominicus-Straße einschlägt. Nicht weit von dem Kopf und dem Darm des Piloten entfernt. Und das sieht der Feuerwehrmann nicht, der gerade den Brand auf der Stockder Straße löscht. Selbstverständlich ist der Absturz ein umfassendes toxisches Dilemma, das selbst seriöse Experten nicht einschätzen können – zu vielfältig sind Stoffe, chemische Reaktionen und die chaotische Verteilung. Allein die Materialien des Flugzeuges von der Außenhaut bis zum Hydrauliköl sind im Brandfall hochgiftig und krebserregend (s. auch Schreiben des Regierungspräsidenten unter ‚Hintergrund') - da ist es nicht mal nötig, die Munition für die toxische Bewertung heranzuziehen, genau das hat das Umweltministerium 2002 abschließend erklärt.

Ziel der Bürgerinitiative war und ist es, eine umfassende Sanierung der Böden im Absturzgebiet zu erreichen, damit niemand durch die freigesetzten Stoffe geschädigt wird – und das lohnt sich auch noch heute. Diese Webseite gibt Gelegenheit, sich selber ein Bild zu machen. Und Urteile und Vorurteile mit den Fakten abzugleichen. Im Laufe der Zeit wird sich – sicher auch mit Hilfe der Öffentlichkeit – die Qualität und Vollständigkeit stetig verbessern.

 

Bürgerinitiative Absturz im BUND
(Bund für Umwelt und Naturschutz)
Kreisgruppe Remscheid
Der Vorstand